Kontakt

Partner

Rätoromanische Sprache

In diesem Artikel wird unter der Rätoromanischen Sprache ("Rätoromanisch") die Sprache verstanden, die in der Schweiz als Bündnerromanisch von etwa 50.000 Menschen gesprochen wird. Zur Einordnung der Sprache in eine größere Sprachgruppe siehe unten bei Questione Ladina.

Der Language Code ist rm bzw. roh (nach ISO 639).

Vorkommen des Rätoromanischen

Die rätoromanisch Sprechenden leben zum größten Teil im Kanton Graubünden. Der Ort mit den meisten rätoromanisch Sprechenden ist allerdings Zürich. Es ist im Schweizerdeutschen üblich, von "Romanisch" zu sprechen, wenn man jene Volksgruppe meint. Die Bezeichnung "Romands" (französisch artikuliert) dagegen bezeichnet zumeist die französischsprachige Bevölkerung der Schweiz. Die Bündnerromanen selber bezeichnen sich selbst als "Rumantsch".

Der Eindruck, dass es eine rätoromanische Sprache gibt, ist eine Täuschung. Durch die Abgeschiedenheit vieler Orte und Täler haben sich eine Vielzahl von Dialekten entwickelt, die sich grob in fünf Großdialekte unterscheiden lassen: Sursilvan (surselvisch), Sutsilvan (sutselvisch), Surmiran(isch), Puter (oberengadinisch) und Vallader (unterengadinisch). Diese Aufreihung entspricht in etwa ihrer Verbreitung von West nach Ost. Heikel ist beim Vallader und Puter, dass sie unter der Bezeichnung "ladin" zusammengefasst werden, was wiederum eine enge Beziehung zum Dolomitenladinisch assoziieren lässt.

Jeder dieser fünf Großdialekte hat eine eigene Schriftsprache entwickelt. Aufgrund der Entstehungsgeschichte ist die Zuordnung von Zeichen und Lauten teilweise sehr unterschiedlich, zumal es diverse Laute gibt, die nur in einigen Dialekten existieren.

Zwar ist "Rätoromanisch" seit 1938 die vierte Amtssprache der Schweiz, doch gab es lange Zeit Probleme darin, welche der fünf Schriftsprachen die ausschlaggebende sein soll. Mehrere Versuche, eine einheitliche Schriftsprache für alle Bündnerromanen zu schaffen, schlugen fehl, da sich viele Menschen vor den Kopf gestoßen fühlten, weil man als Vorlage für die Einheitssprache sich nur auf einen Dialekt konzentrierte.

"Rumantsch Grischun"

Der letzte Versuch, eine Art Hochsprache für alle Bündnerromanen zu schaffen, wurde in den 1970er Jahren in Angriff genommen. Das Ergebnis trägt den Namen "Rumantsch Grischun" - "Grischun" steht für "Graubünden". Wie es aussieht, war dieser Versuch erfolgreich, wohl auch nicht zuletzt deshalb, weil sich bei den Bündnerromanen die Einstellung gegenüber der eigenen Sprache geändert hat: will man sie vor dem Untergang bewahren, muss man zu Kompromissen bereit sein.

Entwickelt wurde "Rumantsch Grischun" auf Grundlage der drei vitalsten Dialekte Vallader, Surmiran und Sursilvan vom Sprachwissenschaftler Heinrich Schmid in Zürich. Er suchte dabei stets nach der größten Gemeinsamkeit zwischen den drei Dialekten; aussprachliche und grammatikalische Besonderheiten fielen dabei unter den Tisch. So gibt es im "Rumantsch Grischun" keine ö- und ü-Laute, weil diese nur im Puter und Vallader üblich sind; aber auch viele Eigenheiten des Sursilvan fehlen. Insgesamt ist Rumantsch Grischun so weit einfacher zu erlernen als die fünf bisherigen Idiome. Seit 1982 ist Rumantsch Grischun die offizielle Amtssprache für den Schriftverkehr mit der Rumantsch sprachigen Bevölkerung.

Allerdings ist diese Sprache zunächst nicht sehr freundlich aufgenommen worden, da sie für die meisten Betroffenen eher so etwas wie ein Kunstprodukt darstellt. Für die Bünderromanen von heute, die in der Regel zweisprachig aufwachsen, bedeutet dies: die eigene Sprache existiert als Dialekt, als Dialektschriftsprache und als Rumantsch Grischun. Deutsch als zweite Sprache muss ebenfalls als Dialekt und Schriftsprache erlernt werden, die bekanntermaßen sehr stark voneinander abweichen.

Man bezeichnet diese Situation als doppelte Diglossie.

"Questione Ladina"

Die Frage, was man genau unter dem Begriff "Rätoromanisch" verstehen soll, ist als "questione ladina" seit Anfang des 20.Jahrhunderts ein Streit unter zwei Gruppen von Sprachwissenschaftlern.

Die eine Gruppe - ausgehend von den Sprachforscher Graziadio Isaia Ascoli (1829-1907) und Theodor Gartner (1843-1925) - geht davon aus, dass es eine Art rätoromanische Ursprache im Gebiet zwischen Oberalppass in der Schweiz und den Dolomiten und Friaul in Italien gegeben habe, die durch die geographischen Gegebenheiten sich dann sehr stark in Dialekte zergliedert habe.

Von dieser Theorie aus gesehen wird unter Rätoromanisch das Dolomitenladinische, das Furlanische und schließlich auch das Bündnerromanische verstanden, also jene romanische Sprache im schweizerischen Graubünden, die dort neben Deutsch und Italienisch gesprochen wird.

Die zweite Gruppe - ausgehend von Carlo Battisti (1882-1977) und Carlo Salvioni (1858-1920) - dagegen versteht unter dem Rätoromanischen lediglich das Bünderromanisch mit seinen vielen Dialekten. Dolomitenladinisch und Friaulisch werden zwar als nahe Verwandte akzeptiert. Da die sprachlichen Ähnlichkeiten mit den norditalienischen Dialekten Lombardisch und Venetisch jedoch wesentlich stärker ausgeprägt ist als mit dem Bünderromanischen und auch kulturhistorisch eine starke Trennung existierte, werden Dolomitenladinisch und Friaulisch von dieser Gruppe nicht als rätoromanisch betrachtet.

Geschichte

Die Bezeichnung "Rätoromanisch" weist auf ihre Entstehungsgeschichte hin. Ursprünglich war das heutige Verbreitungsgebiet jener Sprache(n) von Rätern und Kelten besiedelt. Was die Zuordnung der Räter angeht, ist man sich unsicher. Man geht aber davon aus, dass sie nicht indoeuropäisch waren. Darauf deuten sehr viele Ortsnamen.

Diese Völker wurden vom Römischen Reich unterworfen. Wie schnell nun die Romanisierung erfolgte, darüber werden unterschiedliche Aussagen gemacht. Da in diesem Gebiet nur sehr wenige Zeugnisse in lateinischer Sprache vorliegen, spricht jedoch mehr für ein allmähliches Sprachwandel vom rätischen zum lateinischen. Im Laufe der Jahrhunderte bildeten sich - auch durch die Abgeschiedenheit - die recht eigenwilligen Sprachen heraus. Ab dem 8./9.Jahrhundert geriet die Region jedoch unter germanischsprachigen Einfluss. Im weiteren Verlauf wurde zunehmend Deutsch zur Amtssprache, rätoromanisch verblieb auf dem niederen Status einer Art Bauernsprache. Die ersten schriftlichen Dokumente waren Versuche, lateinische Predigten zu übersetzen. Richtig ging die Entwicklung der Schriftsprachen erst mit der Reformation los, um den Gedanken der Reformation dem Volk so nahe wie möglich zu bringen. Allerdings fehlte den Rätoromanen ein geistig-politisches Zentrum, welches die Sprache schon beizeiten gefestigt hätte. Der Grund dafür ist, dass die Stadt Chur als Bischofssitz schon recht früh unter deutschen Einfluss geriet und seit dem 15.Jahrhundert nur noch deutschsprachig ist.

Es brauchte bis zum 19.Jahrhundert, bis ein Nationalbewusstsein erwachte und für mehr Eigenständigkeit des Rätoromanischen gekämpft wurde.

Dass die Sprache früher einen grösseren Einzugsgebiet hatte, merkt man heute an den rätoromanischen Ortsnamen in den heute deutschsprachigen Gegenden, vor allem im südlichen Teil des Kantons St. Gallen. Beispiele: Terzen, Quarten und Quinten am Walensee oder auch Flums, Ragnatsch, Sargans und Ragaz (heute: Bad Ragaz). Der Dialekt, der in diesen Gegenden verwendet wird, hat jedoch heute immer noch Eigenschaften, die typisch für die rätoromanische Sprache sind (Tonfall, Akzent). Auch im südlichen Teil des Österreichischen Bundeslands Vorarlberg gibt es viele romanische Ortsnamen, so etwa Montafon oder Munt Calv.

Sprache

Rumantsch kennt, wie alle anderen romanischen Sprachen auch, nur zwei Geschlechter: männlich und weiblich.

Wer als Deutschsprachiger erstmals Rumantsch liest, könnte es aufgrund der Ähnlichkeit für Italienisch halten. Beim zweiten Blick aber fallen Endungen wie "-ziun" oder Buchstabendkombinationen wie "tg" oder "aun"/"eaun" auf, die untypisch fürs Italienische sind.

Eine Besonderheit in der Aussprache aber auch in der Schreibweise stellen zwei Zischlaute dar, die es sonst weder im romanischen noch im germanischen Sprachraum gibt, dafür aber im Ungarischen und auch in den slawischen Sprachen anzutreffen sind. Der eine entspricht im Deutschen einer Kombination aus "d" und einem Wert zwischen "j" und Ich-Laut. Er entspricht in der Schriftsprache jenem "g" im Italienischen, was vor "e" oder "i" steht, also wie in "Genova" oder "Genaio". Was man im Italienischen also als weiches "dsch" artikuliert, ist im Rätoromanischen dann ein "dch" oder "dj".

Der zweite Laut ist die entsprechende stimmhafte Variante, also ein "t" gefolgt von einem Laut zwischen "j" und Ich-Laut. Bei diesem nun existieren zwei Schreibweisen. Für die Schriftsprachen Surselvan, Sutselvan und Surmiran ist es ein "tg" - wohl die auffälligste Buchstabenkombination des Rätoromanischen. Im Vallader und Puter dagegen hat sich das "ch" für diesen Laut eingebürgert. Da aber einerseits der Zischlaut, der unserem deutschen "sch" entspricht, auch durch "sch" dargestellt wird, andererseits aber auch die Kombination aus "s" und "ch" sehr häufig auftritt, wird im Valader und Puter zur Unterscheidung beider Laute in der Schrift mitten im Wort ein Bindestrich gesetzt, was sehr gewöhnungsbedürftig aussieht. Ortsnamen wie "S-chanf" oder "Cinuos-chel" sind also ein Wort und als "Schtjanf" bzw. "Tschinuoschtchel" zu artikulieren.

Im Rumantsch Grischun musste hier nun ein Kompromiss geschaffen werden: am Wortanfang findet man für diesen Laut in der Regel ein "ch", innerhalb des Wortes und am Wortende dagegen ein "tg". Bei Ortsnamen allerdings findet aus Rücksicht auf die Historie keine Anpassung der Schreibung statt.

Sprachbeispiele

Zum Abschluss ein Text in den verschiedenen Idiomen und Rumantsch Grischun sowie auf italienisch und deutsch.

Sursilvan

L'uolp era puspei inagada fomentada. Cheu ha ella viu sin in pegn in tgaper che teneva in toc caschiel en siu bec. Quei gustass a mi, ha ella tertgau, ed ha clamau al tgaper: "Tgei bi che ti eis! Sche tiu cant ei aschi bials sco tia cumparsa, lu eis ti il pli bi utschi da tuts".

Sutsilvan

La vualp eara puspe egn'eada fumantada. Qua à ella vieu sen egn pegn egn corv ca taneva egn toc caschiel ainten sieus pecel. Quegl gustass a mei, à ella tartgieu, ed ha clamo agli corv: "Tge beal ca tei es! Scha tieus tgànt e aschi beal sco tia pareta, alura es tei igl ple beal utschi da tuts".

Surmiran

La golp era puspe eneda famantada. Cò ò ella via sen en pegn en corv tgi tigniva en toc caschiel an sies pecal. Chegl am gustess, ò ella panso, ed ò clamo agl corv: "Tge bel tgi te ist! Schi ties cant è schi bel scu tia parentscha, alloura ist te igl pli bel utschel da tots".

Putér

La vuolp d'eira darcho üna vouta famanteda. Cò ho'la vis sün ün pin ün corv chi tgnaiva ün töch chaschöl in sieu pical. Que am gustess, ho'la penso, ed ho clamo al corv: "Che bel cha tü est! Scha tieu chaunt es uschè bel scu tia apparentscha, alura est tü il pü bel utschè da tuots".

Vallader

La vuolp d'eira darcheu üna jada fomantada. Qua ha'la vis sün ün pin ün corv chi tgnaiva ün toc chaschöl in seis pical. Quai am gustess, ha'la pensà, ed ha clomà al corv: "Che bel cha tü est! Scha teis chant es uschè bel sco tia apparentscha, lura est tü il plü bel utschè da tuots".

Rumantsch Grischun

La vulp era puspè ina giada fomentada. Qua ha ella vis sin in pign in corv che tegneva in toc chaschiel en ses pichel. Quai ma gustass, ha ella pensà, ed ha clamà al corv: "Tge bel che ti es! Sche tes chant è uschè bel sco tia parita, lura es ti il pli bel utschè da tuts".

Deutsch

Der Fuchs war wieder einmal hungrig. Da sah er auf einer Tanne einen Raben, der ein Stück Käse in seinem Schnabel hielt. Das würde mir schmecken, dachte er, und rief dem Raben zu: "Wie schön du bist! Wenn dein Gesang ebenso schön ist wie dein Aussehen, dann bist du der schönste von allen Vögeln".

Italienisch

La volpe era nuovamente affamata. Vide un corvo posato su un pino con un pezzo di formaggio nel becco. "Come lo gu pensò la volpe e disse al corvo: "Come sei bello! Se il tuo canto è così bello come il tuo aspetto, allora sei il più bello fra gli uccelli".

Weblinks

Quelle: Wikipedia

© 2011 alpen-info.de